Dau­er­stress scha­det dem Ge­hirn

Was Psychologen, Hirnforscher und Physiologen längst wissenschaftlich belegt haben, wird in unserer 24/7-Welt zunehmend ignoriert: Nichtstun, einen Gang runterschalten, sich Pausen eingestehen, ist eine wichtige Voraussetzung für Kreativität und Produktivität. Dass Regeneration nötig und die eigentliche Voraussetzung für Leistungsfähigkeit und -steigerung ist, ist zumindest im Spitzensport längst bekannt. Verbissen und atemlos trainieren, das bringt nicht viel. Denn der Körper braucht Zeit, sich an steigende Anforderungen anzupassen und die Energiespeicher regelmässig auffüllen zu können. Besser wird nur, wer dem Körper Erholungsphasen gönnt.

Ganz ähnlich steht es um die Leistungsfähigkeit des Gehirns. So meint etwa der Kreativitätsforscher Ernst Pöppel, Chef des Münchner Instituts für Medizinische Psychologie (IMP), dass es in unserer Gesellschaft einen «Kreativitätsstau» gibt, schlicht weil wir uns keine Pausen gönnen. Kreativität lässt sich nicht erzwingen, wer sein schöpferisches Potential nutzen will, muss ausruhen, Müssiggang betreiben, die Gedanken schweifen lassen, den Ideen und Einfällen Raum und Zeit geben. Pöppel ist überzeugt, dass die Gesellschaft «geradezu explodieren könnte, wenn in allen Institutionen täglich eine Stunde aus dem Kommunikationszwang aussteigen würden». Wenn sich alle bewusst dem pausenlosen Informationszufluss entziehen würden.

Im Schlaf lernen

Aus Erfahrung kennt das jeder: Das Gehirn nutzt und braucht den Schlaf, um zu verarbeiten, was es tagsüber geleistet hat. Mehr noch, viele Probleme lösen sich geradezu über Nacht. Studien belegen, dass man beim Aufwachen oft auf Lösungen kommt, die einem am Vortag noch unlösbar schienen. Schlafforscher erklären das Phänomen so: Der Schlaf diene dazu, überflüssige Nervenverknüpfungen abzubauen und neue zu festigen. Man spricht in diesem Zusammenhang vom plastischen Gehirn, das nicht statisch, sondern höchst wandelbar und anpassungsfähig ist. Im Schlaf werden zudem neue Informationen vom Zwischenspeicher ins Langzeitgedächtnis überführt und da verankert.

Die Hirnforschung konnte mittels Magnetresonanztomografie (damit wird der Sauerstoff- und Energieverbrauch im Hirn gemessen) aufzeigen, dass bestimmte Netzwerke von Hirnregionen besonders aktiv sind, wenn Probanden nichts tun und versuchen, an nichts Besonderes zu denken. Die Forscher deuteten das Ergebnis so: Das Gehirn ist im «Default Mode» (Leerlauf-Modus) aktiv, um Erlebtes oder Gelerntes noch einmal Revue passieren zu lassen und die Synapsen entsprechend neu zu organisieren.

Stress tötet Nervenzellen

Dass das Gehirn Ruhepausen braucht, ist auch durch die Stressforschung belegt. So haben Wissenschaftler der Rosalind Franklin University of Medicine and Science in Chicago (Illinois) in Tests mit jungen Ratten Folgendes nachgewiesen: Unter Stress wird die Entstehung neuer Nervenzellen im Gehirn zwar nicht gestoppt, aber diese neuen Zellen überlebten bloss rund 24 Stunden. Das heisst: Unter hoher Belastung verändert sich das Gehirn, besonders wenn es sich um chronischen Stress handelt.

Der Neuropsychologe Thomas Elbert von der Universität Konstanz weist zudem darauf hin, dass die Amygdala unter nervlicher Anspannung grösser wird. Dabei handelt es sich um jene beiden mandelgrossen Zentren im Hirn, die stark an der Entstehung von Angst beteiligt sind. Anhaltender Stress führt dazu, dass sich bestimmte Zellen in der Amygdala stärker verästeln und so vieles mit Angst und Schrecken verbinden. Wer unter chronischem Druck steht, dem erscheint plötzlich alles Mögliche gefährlich, wie Thomas Elbert erklärt.

Autorin und Redaktion: Katharina Rederer
Aktualisiert am 15. März 2025 23:31
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