Was ist AD(H)S?
Die Aufmerksamkeitsdefizit- bzw. Hyperaktivitätsstörung, AD(H)S, ist eine der am meisten beschriebenen Krankheitsbilder im Kindes- und Jugendalter. Angaben zur Häufigkeit fallen im internationalen Vergleich sehr unterschiedlich aus. Je nach Diagnosekriterien schwanken die Zahlen zwischen 2-18 Prozent. Was die Schweiz betrifft, gehen Experten davon aus, dass etwa 5-10 Prozent der Kinder an einer sogenannten neurobiologischen Funktionsstörung leiden. Diese gefährdet ihre persönliche und schulische Entwicklung. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, dass die Störung möglichst früh erkannt wird und damit unterstützende Massnahmen eingeleitet werden können.
AD(H)S – die Definition
AD(H)S wird als verminderte Fähigkeit zur Selbststeuerung bei Kindern und Jugendlichen beschrieben. Störungen treten hauptsächlich in drei Bereichen auf:
Konzentrations- und Daueraufmerksamkeitsstörung.
Ausgeprägte körperliche Unruhe und starker Bewegungsdrang (Hyperaktivität).
iImpulsives und unüberlegtes Handeln.
Diese Störungen führen in aller Regel bereits ab dem Grundschulalter zu massgeblichen Problemen in der Entwicklung der sozialen, schulischen und beruflichen Anpassungen und gehen mit einem persönlichen Leidensdruck einher. Eine unbehandelte AD(H)S führt zu Problemverhalten in Schule, Familie und Freizeit.
AD(H)S und weitere Abkürzungen
Für den Laien mag AD(H)S nicht nur viele Gesichter, sondern auch viele Namen haben. Folgende Begriffe sind eng mit dieser neurobiologischen Funktionsstörung verknüpft.
POS
POS steht für psychoorganisches Syndrom und ist eine schweizerische Bezeichnung.
Es wird bei der Schweizerischen Invalidenversicherung (IV) als Geburtsgebrechen anerkannt und ist daher unterstützungsberechtigt. Dies jedoch nur, sofern die Diagnose vor dem neunten Geburtstag gestellt und bereits mit einer medizinischen Behandlung begonnen wurde. Es ist in Fachkreisen umstritten, ob es sich bei POS und AD(H)S um ein und dieselbe Störung handelt. Eltern müssen wissen, dass beide Begriffe in den gleichen Themenkreis gehören.
AD(H)S
AD(H)S steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung und entspricht der amerikanischen Bezeichnung AD(H)D, welche im DSM-IV, (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) der American Psychatric Association, verankert ist. Der Begriff scheint sich mittlerweile weltweit durchzusetzen. Die Hauptmerkmale einer AD(H)S sind Konzentrationsstörungen und Impulsivität, mit oder ohne Hyperaktivität.
ADS
Von ADS spricht man, wenn eine Aufmerksamkeitsdefizit-Störung vorliegt, bei der das Merkmal der Hyperaktivität fehlt.
HKS
Die Abkürzung HKS steht für hyperkinetische Störung. In der Definition sind HKS und AD(H)S sehr ähnlich. Dennoch wird die Diagnose ADHS leichter und häufiger gestellt als die Diagnose HKS. Dies ist deshalb so, weil für eine hyperkinetische Störung gemäss Vorgaben der Definition strengere Massstäbe angelegt werden.
Mögliche Anzeichen einer ADHS
Die Kernmerkmale der Aufmerksamkeitsstörung, der Hyperaktivität und der mangelnden Impulskontrolle lassen sich an bestimmten Verhaltensmerkmalen der betroffenen Kinder aufzeigen.
Symptom Hyperaktivität
Zappelt mit Händen oder Füssen oder windet sich auf seinem Sitz.
Verlässt seinen Platz während des Unterrichts oder in anderen Situationen, in denen Sitzenbleiben erwartet wird.
Läuft häufig herum oder klettert exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist (bei Jugendlichen oder Erwachsenen ist immer ein Gefühl innerer Unruhe vorhanden).
Ist häufig beim Spiel übermässig laut oder hat Schwierigkeiten, sich leise zu beschäftigen.
Zeigt ein anhaltendes Muster exzessiver motorischer Aktivität, das durch die soziale Umgebung oder durch Aufforderung nicht durchgreifend beeinflussbar ist.
Symptom Aufmerksamkeitsstörung
Ist häufig unaufmerksam gegenüber Details oder macht Sorgfaltsfehler bei Schularbeiten oder anderen Arbeiten oder Tätigkeiten.
Kann die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder beim Spiel häufig nicht aufrechterhalten.
Scheint häufig nicht zu hören, was gesagt wird.
Führt häufig Aufträge nicht aus, oder erledigt Schularbeiten oder andere Pflichten oder Aufgaben nicht. Und dies nicht wegen oppositionellem Verhalten oder weil Erklärungen nicht verstanden werden, sondern wegen der vorliegenden Störung.
Kann Aufgaben und Aktivitäten nicht organisieren oder strukturieren.
Vermeidet häufig oder hat einen starken Widerwillen gegen Aufgaben, die geistiges Durchhaltevermögen erfordern (z. B. Hausaufgaben).
Wird häufig durch äussere Reize leicht abgelenkt.
Verliert häufig Gegenstände, die für bestimmte Aufgaben oder Aktivitäten notwendig sind, z. B. Schulaufgaben, Bleistifte, Spielsachen oder Sportsachen.
Vergisst häufig Dinge im täglichen Ablauf.
Symptom mangelnde Impulskontrolle
Platzt häufig mit Antworten heraus, bevor eine Frage zu Ende gestellt wurde.
Kann häufig nicht in einer Reihe warten oder beim Spielen mit Gruppensituationen warten, bis er/sie an der Reihe ist.
Unterbricht oder stört andere häufig. Platzt oder unterbricht ungefragt z.B. in die Unterhaltung oder Spiele anderer.
Redet häufig übermässig viel, ohne angemessen auf soziale Beschränkungen zu reagieren.
Die Diagnose AD(H)S kann durch einen Arzt oder Psychologinnen und Psychologen auf einer Erziehungsberatungsstelle erfolgen! Es muss eine bestimmte Anzahl folgender Kernmerkmale in ausgeprägter Form vorhanden sein. Zudem müssen weitere Bedingungen erfüllt sein, weil viele der beschriebenen Verhaltensmerkmale durchaus in abgemilderter Form und auch vorübergehend bei zahlreichen Kindern auftreten können, die keine AD(H)S haben. Zu diesen zusätzlichen Bedingungen gehören:
Die betroffenen Kinder müssen durch die vorliegende Störung bedeutsam beeinträchtigt sein, indem sie von altersgleichen Kindern mit ähnlichem Entwicklungsstand und normaler Intelligenz durch ihr Verhalten deutlich abweichen.
Die Störung muss bereits vor dem siebten Lebensjahr begonnen haben und zu Beeinträchtigungen in zumindest zwei Lebensbereichen, wie z. B. in der Schule, in der Familie oder in der Freizeit, führen.
Die Dauer der Störung muss mindestens sechs Monate betragen.
Mit AD(H)S können eine Reihe weiterer psychischer Störungen verbunden sein. Diese werden in der Fachsprache unter dem Begriff Komorbidität aufgeführt. Im Einzelnen handelt es sich unter anderem um:
Störungen des Sozialverhaltens
Angststörungen und depressive Verstimmungen
Tic-Störungen wie beispielsweise unwillkürliche und plötzlich einschiessende Muskelzuckungen
Lernstörungen in der Schule
Motorische Entwicklungsstörungen
vereinzelt auch autistische Störungen
Schwierige Diagnosestellung
Von der Regenbogenpresse bis zur einschlägigen Fachliteratur – AD(H)S findet in den Medien immer mehr Aufmerksamkeit. Dennoch tut man gut daran, die Flut an Informationen kritisch zu begutachten und deren Quellen zu hinterfragen. Nicht jedes Kind, das unkonzentriert und lebhaft ist, leidet auch an AD(H)S. Manche als «auffällig» eingeordnete Verhaltensweisen können in verschiedenen Altersstufen zu einer normalen Entwicklung des Kindes gehören. Zudem ist eine Diagnosestellung mit einem simplen Multiple-Choice-Test ein Ding der Unmöglichkeit.
Die Abklärung kann nur durch einen erfahrenen Kinderarzt oder Kinderpsychiater/-psychologen erfolgen. Die Diagnose basiert auf der Lebensgeschichte des Kindes, verschiedenen Tests sowie Beobachtungen durch die abklärende Fachperson.
Als Eltern kritisch bleiben
Eine im «Journal of Consulting and Clinical Psychology» veröffentlichte Studie der Universitäten Basel und Bochum kommt zum Schluss, dass die bewährten Richtlinien der Diagnosestellung oft falsch oder ungenügend angewendet werden. Mit dem Resultat, dass zu vielen Kindern eine AD(H)S Diagnose gestellt wird. Bei rund 20 Prozent der erneut getesteten Kindern war dies der Fall. Die Fehldiagnosen gehen meist auch mit Ritalin-Gaben einher.
Mehr Informationen und hilfreiche Adressen zum Thema AD(H)S von Kindern und Erwachsenen und der damit verbundenen Diagnosestellung erhalten Sie beim Verein für Eltern und Bezugspersonen von Kindern sowie Erwachsene mit POS/AD(H)S, elpos.
AD(H)S und seine Ursachen
Nach dem heutigen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis geht man von einer neurobiologischen Funktionsstörung aus. AD(H)S kann nicht durch Erziehungsfehler oder ungünstige Familienverhältnisse entstehen. Die Symptome können allerdings durch entsprechenden Umgang günstig beeinflusst oder verschlimmert werden.
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Quellen
Verein für Eltern und Bezugspersonen von Kindern sowie für Erwachsene mit POS
AD(H)S (ELPOS)
Publikation von Prof. Hans-Christoph Steinhausen, Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie Universität Zürich
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Köln
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